Brotz

Abendlicher Ausflug mit der „Schwalbe“; bin gerade eingekehrt auf dem Platz am Brunnen in Weisenheim am Sand. Dort gibt es eine recht beliebte,  allsonntäglich geöffnete Straußwirtschaft.Simson Schwalbe KR 51/2 vor Freinsheim.
Aus meiner zufälligen Perspektive vom letzten freien Tisch sieht die neugebaute „Görtz“-Filiale am Kreisverkehr mit der Leuchtreklame da irgendwie seltsam aus („Görtz“ ist ein in dieser Region zur Zeit ziemlich erfolgreicher Backwarenvertrieb mit einem sehr dichten Netz von Filialen). Ich merke bald, warum ich das finde: „Brotzeit“ ist kein Wort, das man riesengroß und neon-beleuchtet an eine Hausfassade hängen muss. Mir kommt es am ehesten so vor, daß man sich damit aus einer Art pseudo-bayerischer Folklore bedient und das dann völlig haltlos übertrieben hat. Gerade wenn der Blickwinkel auf das Haus das Wort so abkürzt, wie es mir gerade widerfährt, tritt die Absurdität eigentlich erst richtig zutage. Das liegt natürlich nicht am Wort, sondern an den Gestaltern der Fassade.Am 05.08.2018 auf dem Platz am Brunnen in Weisenheim am Sand - mit Blick auf das Gebäude einer Backwarenvertriebskettenfiliale.. Brotz von Görtz – na toll. Man wird dem Originalbegriff einen natürlichen Sinnzusammenhang mit dem Thema „Backwaren“ ohne weiteres zugestehen, aber das Ganze hier hat diesen dummdreisten, neoliberal bescheuerten Stil, der sich überall ausbreitet und den ich manchmal einfach weder ignorieren kann noch unwidersprochen hinnehmen möchte.
Dazu paßt ironischerweise, daß die Firma nicht einmal eine richtige Bäckerei ist, weil sie überhaupt keine Backwaren herstellt, sondern lediglich Teigrohlinge in Heißluftöfen aufbereitet. Vielleicht werden die – so wie es nach meiner Kenntnis für einige solcher „Kettenbäckereien“ zutrifft – täglich im LKW aus Tschechien oder sonstwoher angeliefert? Na, wie auch immer … jemand hat solche Pseudo-Bäckereien einmal als „Bräunungsstudios für Backwaren-Rohlinge“ bezeichnet (oder so ähnlich). Dazu paßt wiederum, daß die Mitarbeiterinnen mit weißen Kitteln herumlaufen müssen, auf denen in roter Schrift „100 % Bäcker“ steht – was mir angesichts der offensichtlichen Unwahrheit wie eine recht verquetschte Beteuerung vorkommen will. Kein Wort wahr; alles nachgeäfft und so schrecklich aufgesetzt.
Ich bin, falls das jemand vermuten sollte, weder grundsätzlich pessimistisch noch larmoyant. Momentan nicht einmal schlecht gelaunt oder sowas. Eher immer wieder einmal betrübt über allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen u. a. in Richtung einer Dekadenz in kulturellem Geschmack sowie dem Verlust an Sozialethik und solchen Dingen. Das „System“ funktioniert immer unzureichender … Dabei bin ich froh, in einer Nische leben und arbeiten zu können, in der man sich eine gewisse Sensibilität sowie diese ganzen Grundwerte bislang einigermaßen erhalten kann.
Manchmal auch eine Frage der Perspektive …

(Bilder anklicken zum Vergrößern.)

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