Willy wählen!

Von Bundesarchiv, B 145 Bild-F057884-0009 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0,Der einzige amtierende SPD-Kanzler, der sich nicht deformieren, beugen, korrumpieren ließ.
Durch sein politisches Wirken insbesondere während der fünf Jahre seiner Regierungszeit (1969-74) hat er die Weltpolitik verändert.

Für einen eindrucksvollen Blick in die Geschichte möchte ich hier gleich einmal die wertvolle Internetseite LEMO – lebendiges Museum online empfehlen.

SPD-Wahlkampf-Button 1972 - "Willy wählen!"Den Button für den Wahlkampf 1972 habe ich als damals Fünfzehnjähriger getragen – und später natürlich irgendwo verbusselt (im Sprachgebrauch meiner Familie pflegen wir eher „verbaselt“ zu sagen). Erst mehr als zehn Jahre später habe ich zufällig noch einmal einen Original-Button von einem Bekannten bekommen. Seither hatte ich mich schon bei mehreren vergangenen Bundestagswahlen mit dem Gedanken getragen, ihn – den Button, natürlich – mal wieder in der Öffentlichkeit zu tragen (oder vielleicht besser eine noch herzustellende Replik?). Ich nehme mir vor, es nun endgültig bei der nächsten Bundestagswahl zu tun.
Auf einen ähnlichen Gedanken ist offenbar auch bei der letzten Bundestagswahl schon jemand gekommen: in Leverkusen – auf einer Plakatwand am Rande der Kreuzung Willy-Brandt-Ring/Karl-Carstens-Ring – hing plötzlich ein Original-Wahlkampfplakat der SPD mit der Forderung „Willy Brandt muss Kanzler bleiben“ (->LINK). Da kann ich nur sagen: „touché!“ …

Eigentlich könnte ich eh schon längst auch jeden Tag mit so einem Button herumlaufen. Denn „deformieren, beugen, korrumpieren“ ist genau, was die SPD jeden Tag mit sich machen läßt. Es ist ein Jammer.
Oder?
Auch ich habe mich von den zunächst kämpferischen, von deutlich moralischen Aspekten und einem offenbar recht gesunden Verstand getragenen Reden des Martin Schulz beeindrucken lassen. Wenig später ließ mein Optimismus nach. Im Übrigen meine ich, so lange man gleichzeitig Figuren wie Sigmar Gabriel, den ich spätestens seit TTIP ein „weichgekochtes Riesenwürstchen“ nenne, in entscheidenden Position dieser Partei hat, bleibt die SPD offenbar die „klassische Umfall-Partei“, wie ein Freund es ausgedrückt hat, indem er übrigens die „SPD über ihre gesamte Historie“ meinte („d’accord“ von mir). Ach je, und obendrein stammt Gabriel auch noch aus meiner alten Heimatstadt Goslar – wie schrecklich.
Zur Zeit erhebt sich z. B. die Frage, ob es auch wieder ein solches „Umfallen“ war, zunächst nach einer Absage an die nächste „Große Koalition“ kurze Zeit später nun doch wieder eine Regierungsbeteiligung zu erwägen (ich kann den Ausdruck „Groko“ schon nicht mehr hören). Das strenge Festhalten der Jusos an einer Abkehr von der Regierungsverantwortung mündet aktuell mit der Kampagne „Tritt ein, sag‘ Nein“ zum gezielten Anwerben von Neumitgliedern als Stimmvieh gegen den Koalitionsvertrag de facto in eine Art von Sabotage an der Haltung der restlichen SPD , die unter den obwaltenden Umständen eine historische Chance darin sieht, der in ihrer Hörigkeit zu Industrie und Wirtschaft erstarrten CDU/CSU möglichst viele Zugeständnisse abtrotzen zu können.

Wenn Schulz argumentiert, man habe bereits jetzt in den Sondierungsverhandlungen – also vor den eigentlichen Koalitionsverhandlungen – schon mehr erreicht, als vordem die FDP und die Grünen mit ihrem gescheiterten Versuch – den dümmlichen Ausdruck „Jamaika-Koalition“ konnte ich ja auch schon lange nicht mehr hören – so kann ich mich dem allerdings nicht entziehen.
Noch weniger kann ich das hinsichtlich der Nachricht, daß man sich auf u. a. eine „Grundrente“ geeinigt habe. Zwar habe ich an alles andere als meine Rente gedacht, als ich damals den Button getragen habe, aber immerhin. In Anbetracht meiner heutigen bzw. bisherigen Rentenerwartung muß ich das „immerhin!“ aber nun ganz bestimmt sagen. Die Regelung sieht vor, daß man nach 35 Beitragsjahren eine Grundrente von zehn Prozent oberhalb der Grundsicherung erhält und das sollte demnach auch für mich gelten. Also kann ich hoffen, daß auch meine ergänzungsbedürftige Rente ergänzt werden wird. So lange ist es ja nicht mehr hin …
Ganz nebenbei gesagt, ist mir klar, daß dies freilich auch die Linkspartei durchgesetzt hätte, wenn sie in der Position der SPD gewesen wäre – aber das war sie nun mal nicht. Noch nicht? Da kann ich nur sagen: schaumermal.
Im Übrigen finde ich, daß der Katalog an Verbesserungen, die die SPD durchgesetzt hat, in der Tat nicht gar so klein ist, daß die eigene Basis aus den jüngeren Mitgliedern in Form der Jusos derart erzürnt gegen eine Regierungsbeteiligung agitieren müßte. Der Juso-Vorsitzende K. Kühn hat beim Sonderparteitag der SPD viele besonders wichtige Themen in der Tat überhaupt nicht angesprochen. Vielmehr hat er, anstatt irgendetwas zur inhaltlichen Diskussion und Profilierung beizutragen, die Ergebnisse der Sondierungsverhandlungen gleichzeitig gelobt und mit altklugem Schwadronieren unter dem insbesondere durch die gehäufte Wiederholung immer befremdlicher wirkenden Stichwort „Spiegelstriche“ die Bedeutung der inhaltlichen Positionen in Mißkredit gebracht.
Die bisher bekannten Ergebnisse der Sondierungsgespräche sehen aufgelistet aktuell ungefähr so aus, wie es der MDR ->hier darstellt. Das ist ja so weit gut und schön; wir werden aber noch sehen müssen, was in der Tat und Realität davon übrigbleibt bzw. was nach gewisser (Regierungs-)Zeit davon verwirklicht worden sein wird – Futur Zwei. Oder um es mit dem badischen Schriftsteller Harald Hurst zu sagen: „mol gucke“.
Natürlich hat die CDU einiges an schwer erträglichen Konservativismen und post-neoliberalen Geschenken an ihre Stamm-Klientel durchgesetzt. Kompromisse fordern einen Tribut. Die Frage ist, ob der zu hoch ist. Ich glaube, daß man à la longue etwas Hoffnung haben kann.
Von eher unerwarteter Seite gab es beinahe schon jetzt einen Schimmer davon: die CSU konnte eine Ausweitung der Mütterrente durchsetzen! Jo mei, net schlecht. Also: Mütter, die ihre Kinder vor 1992 auf die Welt gebracht haben, sollen künftig auch das dritte Jahr Erziehungszeit in der Rente angerechnet bekommen. Aber Obacht: die Bestimmung soll nur für Mütter gelten, die vor 1992 drei oder mehr Kinder zur Welt gebracht hatten! Ja, so an Schmarrn! Spätestens damit entlarvt sich diese „Neuerung“ als hohle Propaganda; wahrscheinlich vielmehr wohlfeiles Mittel zu Eigenwerbung innerhalb des Freistaates. Leider muß man in einer Koalition eben auch mit Figuren wie Seehofer und Söder umgehen. Als ich aber hören mußte, wie dieser unsägliche Hohlkopf, Steinzeit-Yuppie und penetrante Wichtigtuer A. Dobrindt gegen die sog. Bürgerversicherung mit Worten wie „links-ideologische Mottenkiste“ polemisiert hat, war ich wieder viel näher bei den Jusos

So laufe ich dann vielleicht in absehbarer Zeit einmal wieder mit dem Button herum.
Humor, ja. Aber hätte das dann wirklich einen genügend aktuellen Gegenwartsbezug oder wär´s doch zu sehr hinter der Zeit?
Und wäre das außerdem – so oder so – dann doch eher in dieser politischen Nähe zu den Jusos? Ich denke gerade daran, daß ich ab ca. 1976, also noch in den „aktiven Willy-Jahren“ (Kanzler war bereits seit 1974 Helmut Schmidt), in Braunschweig in einer ziemlich linksgerichteten WG lebte, in der wir die in dieser Szene verbreitete Einstellung teilten, den Jusos mit allerhand Skepsis zu begegnen. Wir fanden die viel zu angepaßt – „ob SPD, ob CDU – alles ist der gleiche Schmu“ skandierten wir zum Beispiel auf manchen Demos. Wie unterschiedlich im Vergleich zu heute die Parteien untereinander aber noch waren! Allerdings war der Keim der späteren Entwicklung schon vorhanden, denn wenn ich weiterhin daran denke, daß damals in diesen so „unangepaßten“ 1970er Jahren einer Juso-Vorsitzender war, den der Kabarettist Urban Priol später sehr zu Recht, wie ich finde, als einen „Totengräber der deutschen Sozialdemokratie“ bezeichnet hat – nämlich Gerhard Schröder – dann hat unsere Skepsis damals offenbar nicht getrogen und ich bin heute noch mindestens genauso so skeptisch. Trotzdem – ich werde versuchen, nicht etwa meine Vorurteile zu pflegen, sondern möglichst genau hinschauen, was die Jusos heutzutage darstellen und anstellen und vor allem, was die SPD insgesamt zustande bringt.

Vielleicht entwickelt sich ja wieder mal ein Willy.

(Bilder anklicken zum Vergrößern.)
Bildnachweise
Button: eigenes Bild.
Portrait Willy Brandt: 1980, Album Willy Brandt (Bundeskanzler 1969 – 1974) – von Bundesarchiv, B 145 Bild-F057884-0009 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, Link

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