Brotz

Abendlicher Ausflug mit der „Schwalbe“; bin gerade eingekehrt auf dem Platz am Brunnen in Weisenheim am Sand. Dort gibt es eine recht beliebte,  allsonntäglich geöffnete Straußwirtschaft.Simson Schwalbe KR 51/2 vor Freinsheim.
Aus meiner zufälligen Perspektive vom letzten freien Tisch sieht die neugebaute „Görtz“-Filiale am Kreisverkehr mit der Leuchtreklame da irgendwie seltsam aus („Görtz“ ist ein in dieser Region zur Zeit ziemlich erfolgreicher Backwarenvertrieb mit einem sehr dichten Netz von Filialen). Ich merke bald, warum ich das finde: „Brotzeit“ ist kein Wort, das man riesengroß und neon-beleuchtet an eine Hausfassade hängen muss. In dieser Riesengröße präsentiert wirkt es auf mich wie mißbraucht – so, als hätte man sich damit aus einer Art pseudo-bayrischer Folklore bedient und es damit auch noch völlig übertrieben. Klar, ein Vorhandensein von Geschmack hätte so etwas ja auch unmöglich gemacht. Die ganze Absurdität scheint mir erst richtig zutage zu treten, weil mein zufälliger Blickwinkel auf das Haus das Wort so seltsam abkürzt: BROTZ. Bild aus Weisenheim/Sand.Man wird dem Originalbegriff „Brotzeit“ einen natürlichen Sinnzusammenhang mit dem Thema „Backwaren“ zugestehen, aber der Stil hier enthält mir einfach zu viel von dieser penetranten neoliberalen Dummdreistigkeit, die sich überall ausbreitet und die ich manchmal einfach weder ignorieren kann noch unwidersprochen hinnehmen möchte.
Dazu paßt, daß die Firma nicht einmal eine richtige Bäckerei ist, weil sie in all diesen Filialen überhaupt keine Backwaren herstellt, sondern lediglich Teigrohlinge in Heißluftöfen aufbereitet. Jemand hat solche Pseudo-Bäckereien einmal sehr treffend als „Bräunungsstudios für Backwaren-Rohlinge“ bezeichnet – Brotz Mahlzeit! Solche Öfen stehen auch in vielen Tankstellen, die deswegen ja auch noch lange keine Bäckereien sind. Ich fürchte, auf diese Weise wird ein traditionsreicher Handwerksberuf zerstört. Wie ein ausgesuchter Zynismus paßt es da, daß Görtz-Mitarbeiterinnen in weißen Kitteln herumlaufen müssen, auf denen in roter Schrift „100 Prozent Bäcker“ steht – von wegen. Ich würde sagen: weit unter 50 Prozent. Kein Wort wahr, alles nachgeäfft und hemmungslos aufgesetzt – leben wir so?
Ich bin, falls das jemand vermuten sollte, weder grundsätzlich larmoyant noch überhaupt pessimistisch. Momentan nicht einmal schlecht gelaunt. Eher immer wieder einmal betrübt über allgemeine gesellschaftliche Entwicklungen u. a. in Richtung einer Dekadenz in kulturellem Geschmack sowie dem Verlust an Sozialethik und solchen Dingen. Das „System“ funktioniert immer unzureichender …
Dabei bin ich froh, in einer Nische leben und arbeiten zu können, in der man sich eine gewisse Sensibilität und wesentliche Grundwerte bislang einigermaßen erhalten kann. „Authentizität“ wäre meine Überschrift …

(Bilder anklicken zum Vergrößern.)

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