Brotz

Simson Schwalbe KR 51/2 aus dem Besitz des Autors, hier bei Freinsheim.Abendlicher Ausflug mit der „Schwalbe“; bin gerade eingekehrt auf dem Platz am Brunnen in Weisenheim am Sand. Dort gibt es eine recht beliebte,  allsonntäglich geöffnete Straußwirtschaft.
Aus meiner zufälligen Perspektive vom letzten freien Tisch sieht die neugebaute „Görtz“-Filiale am Kreisverkehr mit der Leuchtreklame da irgendwie seltsam aus.
Ich merke bald, warum ich das so empfinde: „Brotzeit“ ist kein Wort, das man riesengroß und neon-beleuchtet an eine Hausfassade hängen muss. Mir kommt es am ehesten so vor, daß man sich damit aus einer Art pseudo-bayerischer Folklore bedient und es dann bei dem Bestreben, den bedeutungsschwangeren Gehalt unübersehbar und vielsagend auf die eigene Firma zu münzen, ziemlich haltlos übertrieben hat. Ein Konglomerat aus quasi erbeuteten, dick aufgetragenen Stilelementen ist die (Haupt-)Definition von Kitsch – ja, auch darum kam mir der Anblick der riesigen Fassadenbeschriftung gleich so merkwürdig vor. Gerade wenn der Blickwinkel das Wort Am 05.08.2018 auf dem Platz am Brunnen in Weisenheim am Sand.„Brotzeit“ so abkürzt, wie es mir gerade widerfährt, tritt die eigentliche Absurdität erst richtig zutage. Brotz von Görtz – na toll. Beinahe lustig, vielleicht. Freilich, dem Wort „Brotzeit“ ist ein natürlicher Sinnzusammenhang mit dem Thema „Backwaren“ nicht abzusprechen, aber das Ganze hier hat diesen dummdreist-neoliberalen Stil, der sich überall ausbreitet und den ich manchmal einfach weder ignorieren kann noch unwidersprochen hinnehmen möchte.
Übrigens: „Görtz“ ist ein in dieser Region zur Zeit ziemlich erfolgreicher Backwarenvertrieb – aus einer 1963 gegründeten Ludwigshafener Bäckerei hervorgegangen und mittlerweile auf knapp 200 Filialen mit einem Jahresumsatz von über 100 Mio. Euro angewachsen. In den Filialen wird natürlich nichts gebacken, sondern höchstens Brötchen-Teigrohlinge in Heißluftöfen aufbereitet. Also, wenn es danach ginge, könnte sich auch jede entsprechend ausgerüstete Tankstelle als Bäckerei bezeichnen, nicht wahr? Ein Kabarettist – ich glaube, es war Max Uthoff – hat solche Pseudo-Bäckereien einmal als „Bräunungsstudios für Backwaren-Rohlinge“ bezeichnet. Ironischerweise paßt dazu, daß die „Görtz“-Mitarbeiterinnen mit weißen Kitteln herumlaufen müssen, auf denen in rot-gestickter Schrift „100 % Bäcker“ steht – was mir angesichts der offensichtlichen Unwahrheit wie eine Art verquetschte Beteuerung vorkommen will. Alles so schrecklich aufgesetzt. Auch, daß hinter dem gläserenen „Görtz“-Tresen ein „normales“, also klassisches Weizenbrötchen ausgerechnet „Backi“ heißt. Dieser alberne, in aller Selbstverständlichkeit und kreuzbiederem Ernst geführte Brötchen-Spitzname ist mir derart peinlich, daß ich ihn natürlich niemals aussprechen würde.
Ich bin, falls das jemand vermuten sollte, nicht herablassend oder hochnäsig. Auch nicht larmoyant oder etwa grundsätzlich pessimistisch. Momentan nicht einmal schlecht gelaunt. Ich finde, Brotz-Brötchen sind von recht guter Qualität und wohlschmeckend und ich kaufe hin und wieder welche. Nein, am Beispiel von „Brotz“ und auch sonst bin ich vielmehr gelegentlich betrübt über allgemeine Entwicklungen in unserer Gesellschaft u. a. in Richtung von erschreckender Dekadenz im Niveau an Bildung und kulturellem Geschmack (um den es ja in diesem Text in erster Linie geht) sowie dem Verlust an Sozialethik – im Sinn von Respekt, Redlichkeit, Aufrichtigkeit, Toleranz, Bescheidenheit, Gemeinsinn und solchen Dingen.
Dabei bin ich froh, in einer Nische leben und arbeiten zu können, in der ich mir diese ganzen Werte und dazu eine gewisse Sensibilität wenigstens einigermaßen erhalten kann.
Manchmal eben auch eine Frage des Blickwinkels …

Hinweis: Bilder anklicken zum Vergrößern.
(Beitrag zuletzt überarbeitet am 27.01.2021)

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